
“Etwas Besseres als den Tod findest Du überall…”
Seit 2012 verleiht die Bundesarbeitsgruppe „Suizidprävention im Justizvollzug“ den Suizidpräventionspreis an herausragende Projekte. Ausgezeichnet werden innovative, kreative und praxisbewährte Maßnahmen, die einen wirksamen Beitrag zur Suizidprävention im Justizvollzug leisten und Vorbildcharakter für andere Einrichtungen haben.
Zeigen Sie, was möglich ist. Teilen Sie Ihre Erfolge. Bewerben Sie sich jetzt für den Suizidpräventionspreis und setzen Sie ein starkes Zeichen für Prävention, Verantwortung und Menschlichkeit im Justizvollzug.
Kennen Sie Teams oder Gruppen (in Ausnahmefällen auch Einzelpersonen), die besondere Maßnahmen oder Projekte der Suizidprävention im Justizvollzug entwickelt haben und durchführen?
Bestehen in Ihrer Einrichtung besondere Kooperationen, die die Suizidprävention unterstützen?
In Ihrem Bundesland, einer JVA oder Abteilung gibt es besonders engagierte Personengruppen?
Dann bewerben Sie sich formlos über die Ansprechperson Ihres Bundeslandes!
Der vom Land Thüringen gestiftete Preis – eine in Handarbeit von Inhaftierten der JVA Untermaßfeld gefertigte Skulptur der Bremer Stadtmusikanten – würdigt das besondere Engagement aller Beteiligten und macht erfolgreiche Präventionsarbeit sichtbar. Er soll Mut machen, über bewährte Standards hinauszudenken und neue Wege im Umgang mit suizidgefährdeten Gefangenen zu gehen.
Denn: ….“Etwas Besseres als den Tod findest Du überall…“
Bisherige Preisträger:
2013: Das Listener-Projekt (Bayern)
Die meisten Suizide im Justizvollzug ereignen sich zu Beginn der Inhaftierung. Eine übliche Praxis zur Unterstützung der neu Inhaftierten ist die gemeinschaftliche Unterbringung mit einem anderen Gefangenen. Die Unterstützung durch Mitgefangene wird von den Betroffenen als besonders unterstützend erlebt. Im Rahmen des Listener-Projektes, unter der Leitung von Dr. Willi Pecher, werden sorgfältig ausgewählte Gefangene geschult und betreut, damit diese Gefangene die neu Inhaftierten bei der Anpassung an die Haftsituation und bei suizidalen Krisen während einer gemeinsamen Unterbringung in speziell dafür vorgesehenen Hafträumen unterstützen können.
Zur Schulung gehören die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid, Rollenspiele, die Vermittlung von Informationen über Menschen in Krisen, Suizidalität sowie Gesprächstechniken. Einsätze werden nachbesprochen. Die Teilnahme am Listener-Projekt ist freiwillig und unentgeltlich.
Mit diesem innovativen Projekt können Gefangene bei einem Perspektivwechsel unterstützt und Hoffnungslosigkeit entgegengewirkt werden.
2015: Risk-Assessment in der JVA Frankfurt I (Hessen)
Das Projekt Risk-Assessment wird seit 2006 ist der JVA Frankfurt I unter der Leitung von Dr. Peter Milde durchgeführt. Es richtet sich an neu inhaftierte Personen in der Untersuchungshaft. Nach einer professionellen Diagnostik zu Haftbeginn wird Gefangenen die Teilnahme an diesem Projekt ermöglicht. In den ersten 6 Wochen der Haft gibt es strukturierte Angebote zur Unterstützung der Anpassung an die Haft, zur Bewältigung von Krisen, zu Stabilisierung und zur Beschäftigung. Dazu zählen beispielsweise Gesprächsgruppen, soziale Unterstützung und kunsttherapeutische Angebote, umgesetzt durch ein engagiertes Team. Nach Ablauf der 6 Wochen konnte ein hoher Teil der Gefangenen in einen Arbeitsprozess oder in die Arbeitstherapie integriert werden. Zwischen 2006 und 2011 haben 304 Gefangene an diesem Projekt teilgenommen. Es hat sich in dieser Zeit kein Suizid und kein Suizidversuch bei diesen Gefangenen ereignet. Die Wirksamkeit konnte durch eine Evaluation belegt werden.
2016: Ausstellung „(Aus-) Wege?! – Suizide und Suizidprävention im Justizvollzug, ein Projekt der Landesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug (Sachsen)
Die Landesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug des Bundeslands Sachsen befasste sich während ihrer Arbeit mit einem besonderen Projekt zur Suizidprävention, die Ausstellung „(Aus-)Wege?! – Suizide und Suizidprävention im Justizvollzug“. Die Konzeption der Ausstellung entstand in einem dreijährigen Arbeitsprozess der Mitglieder; in das Konzept flossen zahlreiche praktische Erfahrungen aus eigener Arbeit, aber auch Forschungsergebnisse und Material aus anderen Bundesländern ein. Im Ergebnis entstand eine Wanderausstellung in einem Raum von 5 Metern Breite und 7 Metern Länge. Die Ausstellung ist in unterschiedliche Bereiche gegliedert und behandelt verschiedene Themen. Beginnend mit der Visualisierung des Haftalltags mittels des Filmes „Einschluss“, welcher in der JVA Zeithain gedreht wurde, zeigt sie weiter die kunsttherapeutische Begleitung eines suizidalen Inhaftierten aus einer JVA und berichtet vom Suizid eines Gefangenen aus Sicht einer Angehörigen. Zu sehen sind darüber hinaus Abschiedsbriefe von Suizidenten. Auch Bedienstete schildern Suizide und Suizidversuche aus ihrer Perspektive. Ebenso wird über bekannte Suizidenten und ihre Geschichten berichtet. Viel Wissenswertes über Suizide wurde zusammengetragen, aber auch Mythen zur Suizidalität werden aufgeklärt. Anhand eines „Suizidtunnels“ wird die gedankliche Einengung bei Suizidalität veranschaulicht. Verschiedenartige „Suizidmittel“ werden dargestellt. Darüber hinaus schildert die Ausstellung die Trauerarbeit der Seelsorge. Auch der Suizidpräventionsraum der JVA Leipzig, der ebenfalls durch die Landesarbeitsgruppe entwickelt wurde, wird vorgestellt. Für die Gäste der Ausstellung werden die Ziele und der Inhalt von Suizidkonferenzen und Krisennachsorge visualisiert und Möglichkeiten der Krisenintervention dargestellt. Am Ende der Ausstellung können die Besucher Varianten der Psychohygiene entdecken. Der Lebensbaum „Was gibt mir Kraft im Leben?“ und das Nachdenken über den Sinn des Lebens mit der Frage „Wie bunt ist Deine Stadt?“ schließen die Ausstellung ab.
2017: Landesarbeitsgemeinschaft Suizidprävention (Saarland)
Die Landesarbeitsarbeitsgemeinschaft „Suizidprävention und Krisenintervention im Saarländischen Strafvollzug“ (LAG) gründete sich Ende 2010 nach dem Suizid eines Jugendlichen in der JVA Ottweiler. Seit ihrer Gründung erarbeitete sie eine Vielzahl von neuen Maßnahmen zur Suizidprävention. Die Arbeit der interdisziplinär besetzten Landesarbeitsgemeinschaft fand erste Umsetzung in Form gemeinsamer Fallbesprechungen und folgend zahlreicher konkreter Arbeitsergebnisse. Zunächst wurde hier ein wissenschaftlich fundiertes, bereits evaluiertes Suizidscreening für Erwachsene und Jugendliche implementiert. Dieses wird unmittelbar nach Ankunft eines Gefangenen im Rahmen eines Erstgesprächs durchgeführt, um eine mögliche (Suizid-) Gefährdung zu beurteilen. Auch eine Ausweitung der Monitorhafträume mit wöchentlichen Monitorkonferenzen im interdisziplinären Team für alle Gefangenen, die auf solchen Hafträumen untergebracht wurden, wurde vorgenommen. Begegnung und Kommunikation stützen Menschen in persönlichen Krisen. Um diesem Bedürfnis aber auch dem grundsätzlichen Anspruch auf Einzelunterbringung und dem Schutz der Privatsphäre zu entsprechen, gibt es im Saarland seit Januar 2016 das „Projekt Tandemzelle“.
2018: Fachgruppe Suizidprävention im Straf- und Maßnahmenvollzug (Österreich)
Im österreichischen Justizvollzug wurde bereits vor vielen Jahren das Screeningverfahren „Viennese Instrument for Suicidality in Correctional Institutions“ (VISCI) entwickelt, welches durch ein Ampelsystem eine solide Grundlage liefert, um Sicherungsmaßnahmen und eine sinnvolle Haftraumzuweisung zu initiieren. Dieses System wird durch die Fachgruppe, die sich 2011 gründete, stetig weiterentwickelt. Darüber hinaus wurden Abläufe der Suizidprävention formalisiert und standardisiert und damit eine Handlungsorientierung vorgegeben, die einen außerordentlichen Beitrag zur Sicherheit im Arbeitsgeschehen leistet. Zudem wurden zahlreiche Workshops und Vorträge gehalten, Inhouse-Schulungen für einzelne Gruppen von Bediensteten gestaltet und Fortbildungsseminare im Rahmen des allgemeinen Fortbildungsprogramms der Strafvollzugsakademie durchgeführt. Angesichts der tragischen Folgen eines Suizids – nicht nur für die Suizidenten selbst, sondern auch für deren Angehörige und Freunde, und nicht zuletzt für Bedienstete – wurden Nachsorge-Angebote ausgebaut. So wurden Reflexionskonferenzen nach einem Suizid eingeführt. Dadurch haben auch die betroffenen Kollegen eine Möglichkeit, sich zu äußern und Ansatzpunkte für die Verarbeitung des Erlebten zu finden. Aber damit nicht genug: Die Fachgruppe entwickelte auch einen Leitfaden für Gespräche mit Angehörigen nach einem Suizid. Der Leitfaden kann eine Hilfestellung für das häufig als sehr schwierig wahrgenommene Gespräch mit den Angehörigen sein und Bediensteten, die dieses führen, mehr Sicherheit bieten.
2020: Landesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug (Thüringen)
Die Landesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug Thüringen hatte es sich zur Aufgabe gemacht aus Ereignissen zu lernen, Materialien zu entwickeln, Bedienstete weiterzubilden und die Konzeption der Suizidprävention des thüringischen Justizvollzuges weiter zu optimieren. Es wurde eine Screeningverfahren entwickelt und implementiert. Das Videodolmetschen wurde eingeführt, die Angebote in Haft zur Stärkung der Resilienz wurden ausgebaut. Es wurden Suizidkonferenzen als Methode der Nachsorge eingeführt. Darüber hinaus gab es noch viele weitere Projekte. Besonders hervorheben ist die Entwicklung von Plakaten, Standards, Handlungsleitfäden, Formularen und Flyern. Die Entwicklung einer solchen Struktur mit derartig vielfältigen Projekten ist eine enorme Aufgabe ist und erfordert ein beeindruckendes Engagement.
2022: Projektteam Basis-VV (Niedersachsen)
Das Projektteam Basis-VV entwickelte eine Fachanwendung zur Dokumentation der Informationen und Einschätzungen zum Suizidrisiko von Gefangenen. Dadurch wurden vielfältige und effiziente Verbesserungen ermöglicht, z.B. müssen Informationen nicht mehr in Papierakten gesucht werden, es erfolgte eine Optimierung der Prozesse durch Standardisierungen und eine Vereinheitlichung. Außerdem wurden Evaluationsinstrumente eingearbeitet. Dadurch ist eine effiziente und qualitativ hochwertige Behandlungssteuerung möglich. In der Fachanwendung selber werden die relevantesten Risikofaktoren (Basissuizidalität) eingearbeitet, es gibt Textfelder zur detaillierten Beschreibung des individuellen Eindrucks, aber auch automatisch generierte Warnungen. Durch die Einarbeitung von Pflichtfeldern wird eine vollständige Dokumentation ermöglicht.
Die anwendenden Bediensteten wurden geschult und das Verfahren wurde implementiert. Die Handlungssicherheit in der Suizidprävention, einem wichtigen Bereich der vollzuglichen Arbeit, konnte deutlich verbessert werden.
2023: „Suizidpräventionsbeauftragte & Team“ (Baden-Württemberg)
Mit der Verleihung des Suizidpräventionspreises 2022 wurde die Erstellung eines Lehrfilms zur flächendeckenden Einführung eines Suizidalitäts-Screening-Bogens gewürdigt. Um dem erhöhten Suizidrisiko in den ersten Tagen nach der Inhaftierung besser begegnen zu können, wurde im 2021 Jahr ein kriminologisch begleitetes Screeningverfahren zur Erfassung suizidaler Risikofaktoren bei Haftantritt von Gefangenen eingeführt. Dies stellt einen weiteren wichtigen Baustein eines einheitlichen, standardisierten und flächendeckenden Suizidpräventions-Konzepts im baden-württembergischen Vollzug dar. In Ergänzung zu einer Handreichung zur Erklärung der Anwendung des Screeningbogens wurde der Lehrfilm erstellt, der den Justizvollzugsanstalten zur Verfügung steht und über das Vorgehen informiert.
2024: JVA Moabit (Berlin)
Die JVA Moabit ist Berlins Untersuchungshaftanstalt für ca. 880 erwachsene Männer mit einem jährlichen Durchlauf von ca. 3500 Gefangenen.
Die Problemlagen und Herausforderungen, mit denen die Anstalt täglich konfrontiert ist, sind vielfältig: der sog. Haftschock, Erstinhaftierungen, Suchtmittelproblematiken, Sprachbarrieren, Obdachlosigkeit, Belastungen aufgrund gerichtlicher Vorgaben zur Sicherung des Verfahrens, Medienwirksamkeit, psychische und physische Erkrankungen der Gefangenen gepaart mit konstanter Vollbelegung und knapper werdenden Ressourcen.
Um diesen Risikofaktoren bestmöglich etwas entgegen zu setzen und den Gefangenen trotzdem eine Perspektive zu geben, greifen in der JVA Moabit zur Suizidprävention unterschiedliche Maßnahmen ineinander. Bausteine des Suizidpräventionskonzepts sind beispielsweise die suizidpräventive Gestaltung der Zugangsabteilung sowie Inhalt und Form der ersten Gespräche nach Ankunft in der neuen Umgebung und die konsequente Durchführung des Suizidscreenings und –monitorings. Außerdem existieren zahlreiche Angebote für Gefangene, um den zumeist noch ungewohnten Haftalltag zu strukturieren und Abwechslung zu schaffen.
Für mehr Handlungssicherheit wird das Personal aus- und fortgebildet. Die anstaltsinterne AG Suizidprävention mit Mitgliedern aus unterschiedlichen Berufsgruppen engagiert sich kontinuierlich für eine Verbesserung der Präventionsmaßnahmen. Neben den bestehenden und gelebten Maßnahmen zeigen die Mitarbeitenden eine unermüdliche Bereitschaft, die bewährten Maßnahmen zur Suizidprävention zu evaluieren und weiter zu entwickeln, aber auch neue und innovative Ansätze zu verfolgen und z.B. unter Berücksichtigung psychologisch relevanter Designstrategien Neugestaltungen von Hafträumen im Vollzugsalltag zu erproben. In Kürze wird der erste Suizidpräventionsraum im Berliner Justizvollzug in Gebrauch gehen.
2025: JVA Wittlich (Rheinland-Pfalz)
Mit der Verleihung des Suizidpräventionspreises 2024 an die JVA Wittlich wird erstmals die Gesamtstruktur einer Justizvollzugsanstalt gewürdigt, in der alle bestehenden Behandlungsmaßnahmen und Instrumente zur Suizidprävention in einem Gesamtkonzept zusammengeführt wurden.
Die JVA Wittlich ist mit einer Belegungsfähigkeit von ca. 600 Inhaftierten die größte Justizvollzugsanstalt in Rheinland-Pfalz. Die Maßnahmen und Instrumente zur Suizidprävention werden in der JVA Wittlich seit vielen Jahren kontinuierlich weiterentwickelt, evaluiert und bedarfsgerecht angepasst. Sie bestehen aus unterschiedlichen Bausteinen und werden durch verschiedene Professionen in interdisziplinären Behandlungsteams ausgeführt.
Die Abläufe orientieren sich an der Aufenthaltsdauer der Inhaftierten und werden zunächst engmaschig (vulnerable Phase zu Beginn der Haft), später locker flankierend, begleitend sowie situationsorientiert eingesetzt.
Mit der Bündelung aller Maßnahmenbausteine zur Suizidprävention in dem Konzept „Umgang mit Suizidalität in der JVA Wittlich“ bekräftigt die Anstalt den direkten und regelmäßigen Kontakt zwischen Inhaftierten und Bediensteten und verknüpft die verschiedenen Arbeitsbereiche im Justizvollzug.
Trotz aller Präventionsmaßnahmen lassen sich Suizide nicht vollständig verhindern. Nach einem derart belastenden Ereignis ist daher eine umfassende Nachsorge erforderlich. Auch dieser Aspekt wurde berücksichtigt, indem ein entsprechender Ablaufplan für den Umgang mit Suiziden erstellt wurde. Ein speziell geschultes Kriseninterventionsteam steht dabei gemeinsam mit unterstützenden Angeboten des Psychologischen Dienstes sowie der Seelsorge (z. B. Gespräche, Trauerfeiern) zur Verfügung. Diese Angebote richten sich sowohl an die auffindenden Bediensteten als auch an dem Suizidenten nahestehende Inhaftierte.
